Die Kunst der Wideraufbereitung
Wie ein Super Gau wird jedes neue Web 2.0 Portal angekündigt. Aus dem Nichts kamen sie und meine Wenigkeit hat genauso darauf gewartet, wie all die anderen 10 Millionen Internetjunkies. Keiner weiß wirklich was man vor dem Launch von Facebook, Myspace oder StudieVZ gemacht hat. Nun hat sich StudieKZ ( verzeihung VZ ) zu einer virtuellen Wiese für Selbstverliebte mit Spiegelphobie entwickelt. Angehende Bankkaufleute oder Einzelhandelskauffrauen die ihre Wissensanorexi gern der Welt mitteilen und dafür auf die wirklich wichtigen Dinge, vor allen die körperlichen Akzente – verweisen. Facebook, deren Datenbestand ich noch immer recht fragwürdig finde, bietet nicht wesentlich mehr, erfreulicherweise weniger Contenance zur Privatsphäre. Fehlt noch das erwähnte Myspace – Toms persönliche Messlatte für wahre Promotionkunst. Tom ist das, was Mark Zuckerberg für Facebook ist – Gründer oder im neudeutschen Denglisch: founder of this wasting shit.
Schaut man nun einmal über die Banalen der Analen hinweg und betrachtet sich diese bunte Werbemaschinerie, erkennt der denkende Mensch, das es ihn hier nicht lange halten wird. Der beispielsweise auf Myspace offerierte Zugewinn für Musiker, Komponisten, Texter und sonstigen Künstler spiegelt sich recht schnell in den Kommentaren der Freunde wieder. Und wurde nicht per Myspace Nachricht auf ein neues Werk des offensichtlich realitätsfremden “Freundes” informiert, bleiben zumindest noch Facebook und StutenVZ.
Genau betrachtet sind diese Plattformen für die richtigen Leute Geldmaschinen. Bevor jetzt die Frage kommt – wie man das tut: man betreibt eben solch ein Portal. Der Facebooker aka Stute oder auch Myspast, der seine Daten liebend gern zum 5ten mal komplett und nach dem Bestätigen der Allgemeinen Geschäftsbedingungen übergibt, hat in Wirklichkeit für sich keinen Mehrwert geschaffen. Es macht sich keine Eva Braun die Mühe und stöbert die AGB nach Datenschutz oder Schutz der Privatsphäre durch. Das ist verständlich und nur allzu logisch, denn all die vielen alten Bekannten und neuen Freunde sind ja bereits auf dem Portal und haben sich sicherlich auch noch nicht Gedanken darüber gemacht. Man kann über alte Zeiten schwallen oder einfach nur seinem Mitteilungsdrang frönen und die alten und vielleicht auch bald EX Freunde penetrieren. Wem das noch nicht reicht, der darf sich mit absolut unsinnigen Widgets die Zeit vertreiben. So kann man seinen Alltag einem Filmcharakter zuordnen lassen oder den “gewünschten” IQ per Mausklick errechnen lassen. Das ganze lässt sich dann natürlich wieder mit den Freunden teilen und auch die haben die Möglichkeit, per Premium SMS oder ähnlich verwegenen Bezahlmethoden mit Wunschergebnisse hausieren zu gehen.
Jeder kennt die mütterlichen Sprüche: “Nimm keine Bonbons von Fremden.” Im Internet gibts glücklicherweise keine Bonbons, auch keine Bons nur Rechnungen. Man erweckt die einfachsten Instinkte und erfreut sich an dem Haufen der Gläubigen und Geistlosen. Die Welt, die dort erschaffen wird ist – selbst in den dort veröffentlichten ( zensierten! ) Nachrichten – frei von Problemen, Sorgen oder gar der Möglichkeit sich Gedanken zu machen. Was Springer oder Random House seit Jahren in Form von gedrucktem und gepresstem Nichts millionenfach an den Lemming bringen, findet hier einen würdigen Nachfolger.
In dieser nicht greifbaren Welt, in der auch der Marketing Profi noch meint der Gewinner im Verkaufsspiel zu sein, geht jeglicher Bezug zur Realität und noch wichtiger zur Persönlichkeit verloren. Keines der benannten Portale verdient die Auszeichnung “Einzigartig” oder hat für meinen technischen und pragmatischen Verstand eine Daseinsberechtigung. Unzählig Charakterkopien, zig Dupletten von Kreativen und speichelnde Moralapostel die sich den halben Tag durch das Netz an Clonen hangeln. Was immer man erwartet – es wird in dieser Welt stattfinden – dieser, ohne die es die Andere gar nicht gäbe.
